Eltern sein und Liebende bleiben
Wie wirkt sich die Elternrolle auf Eure Beziehung aus und wie geratet ihr als Liebende nicht aus dem Blick? Folgende Impulse aus der systemischen Beratung und Paartherapie können Euch dabei unterstützen, neue Perspektiven und Strategien zu entwickeln.
In meiner Arbeit erlebe ich oft, wie die Elternrolle das Leben bereichern, aber auch herausfordern kann. Egal, ob ihr gerade eine Schwangerschaft plant, bereits schwanger seid, oder Euer Kind schon geboren ist – die Rolle als Eltern (to be) wird die Dynamik Eurer Liebesbeziehung erheblich beeinflussen.
Wie die Elternrolle die Paardynamik verändert
Der Fokus im Leben verschiebt sich, wenn ein Kind kommt. Plötzlich dominiert Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung den Alltag. Der Übergang ins Elternsein erfordert eine Neuausrichtung des täglichen Lebens. Es braucht neue Absprachen, andere Grenzen und eine Menge Wertschätzung und Anerkennung – sowohl für sich selbst als auch für Eure Partnerperson.
Ein wichtiger Aspekt der systemischen Paartherapie ist das Verständnis der individuellen Rollen innerhalb des Familiensystems. Ich erlebe häufig, dass Eltern sich in ihrer neuen Rolle erst finden müssen. Da sich die Rollenverteilung mit der Ankunft eines Kindes erheblich verändert, können Spannungen auftreten: Vielleicht fühlt ihr Euch in den Rollen als Elternteile überfordert oder unsicher. Oder ihr erlebt eine Diskrepanz zwischen Euren Erwartungen und der Realität der Elternschaft. Solche Rollenkonflikte können zu Frustration und Missverständnissen zwischen Euch führen.
In der systemischen Therapie wird außerdem untersucht, wie sich Muster aus Euren Herkunftsfamilien in Eurer aktuellen Beziehung wiederholen. Diese Beziehungsmuster können Eure Kommunikation beeinflussen und möglicherweise zu Konflikten führen.
Der Umgang mit Ambivalenz und Erwartungsdruck
Viele erleben nach der Ankunft ihres Kindes eine Welle widersprüchlicher Gefühle. Oft finden diese keinen Raum zur Äußerung, obwohl genau diese Emotionen Eure Beziehung stark belasten können. Der Schlüssel liegt darin, sich selbst und der:m Partner:in zu erlauben, diese Gefühle offen zu teilen. Sie sind Teil des normalen Anpassungsprozesses. Paarberatung kann ein Raum sein, um über diese Gefühle zu sprechen. Typische Gedanken und Gefühle junger Eltern sind:
„Mein Körper fühlt sich seit der Geburt schrecklich an.“
„Ich kann mich gar nicht über meine neue Rolle als Elternteil freuen.“
„Ich vermisse mein altes Leben, dabei sollte ich doch glücklich sein.“
„Wir waren schon ewig nicht mehr intim.“
„Mein:e Partner:in versteht mich nicht und ich muss alles alleine machen.“
Es ist ganz normal, solche Gedanken zu haben. In meiner Arbeit ist es mir wichtig, diese Gefühle zu normalisieren und ihnen Raum zu geben. Ihr dürft solche Gedanken haben und so fühlen. In unserer Zusammenarbeit könnt ihr lernen, mit Euren Zweifeln und Schuldgefühlen umzugehen: Ich ermutige Euch, mit diesen Gefühlen offen zu sein und sie einzuordnen. Oft bietet es sich außerdem an, auf das Thema Perfektionismus zu schauen und eigene Ansprüche kritisch zu reflektieren. Häufig haben Idealbilder von Eltern- und Partner:innensein mit der Realität wenig zu tun. Die Ansprüche, die ihr an Euer Elternsein stellt, sind oft durch die eigene Erziehung und gesellschaftliche Idealbilder geprägt. Ich ermutige Euch, Euer eigenes Idealbild kritisch zu hinterfragen und zu lernen, Euch den neuen Herausforderungen mit Geduld und Wohlwollen zu stellen. Der Druck, sowohl als Eltern als auch als Liebende perfekt zu sein, kann überwältigend sein. Deshalb ist es wichtig, sich selbst Raum für Fehler und Entwicklung zu geben. Ich begleite Euch gern dabei, diese Perspektive zu verinnerlichen - immer jedoch unter dem Motto: Ihr seid die Experten:innen Eurer Beziehung und Elternschaft. Ich unterstütze Euch dabei, zu Euren eigenen, individuell passenden Lösungen zu kommen und Euch selbstwirksam zu erleben.
Praktische Herausforderungen und gesellschaftlicher Kontext
Die Ursachen für Beziehungsprobleme in Verbindung mit Elternschaft sind vielfältig. In meiner Arbeit erlebe ich, dass sie von der emotionalen und gesundheitlichen Verfassung der Eltern abhängen. Auch die Verfügbarkeit eines unterstützenden Netzwerks oder gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Hilfreiche Reflexionsfragen können sein:
- In welcher emotionalen und gesundheitlichen Verfassung befinden wir uns?
- Welches unterstützende Netzwerk aus Familie und Freund:innen haben wir?
- Wie teilen wir die Care-Arbeit auf und wie fair empfinden wir diese Aufteilung?
- Wie offen sprechen wir über (sexuelle) Bedürfnisse und wie erfüllen wir sie?
- Welches Idealbild von Paar- und Elternsein prägt unsere Dynamik und unser Verhalten?
Auch die gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, beeinflussen, wie ihr mit der neuen Elternrolle umgeht und welchen Einfluss diese auf Euch als Liebende hat. Aspekte wie die Aufteilung der Elternzeit, die steuerlichen Begünstigungen bestimmter Konstellationen und der Zugang zu Beratungs- oder Therapieplätzen spielen eine entscheidende Rolle. Paarberatung bietet die Möglichkeit, diese Faktoren zu reflektieren und gezielt in Eure Beziehungsarbeit zu integrieren.
Ein Appell für mehr Unterstützung
Die gesellschaftliche Unterstützung für Liebende in der Phase des Elternwerdens lässt oft zu wünschen übrig. Während medizinische Versorgung für die schwangere Person und das Kind im Mittelpunkt steht, bleibt die Liebesbeziehung häufig unbeachtet. Meine wünschenswerte Utopie: Eine intensivere Integration von Paarberatung in Geburtsvorbereitungskurse und Nachsorgeprogramme. So wie das Kind regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen geht, solltet auch ihr die Möglichkeit haben, Eure Beziehung in dieser herausfordernden Lebensphase professionell begleiten zu lassen. Ich lade Euch herzlich ein, mein Angebot für Paarberatung dafür in Anspruch zu nehmen.