Ein paartherapeutischer Blick auf Affären
In diesem Artikel biete ich Euch - in Anlehnung an den renommierten Paartherapeuten Ulrich Clement - meine paartherapeutische Perspektive zum Thema Affären an und beleuchte Fakten und Mythen dazu.
In der paartherapeutischen Arbeit gibt es zwei große Themen, wegen derer Paare häufig Unterstützung suchen: Probleme mit der sexuellen Aktivität und Affären. Außenbeziehungen können schmerzhaft und zerstörerisch sein, aber sie können auch als Gelegenheit dienen, die Beziehung zu hinterfragen und möglicherweise zu stärken.
Warum gibt es überhaupt Affären?
In jeder monogamen Beziehung existiert ein zentrales Dilemma, das Ihr wahrscheinlich selbst schon einmal gespürt habt: der ständige Balanceakt zwischen Bindung und Autonomie. Die meisten Menschen wünschen sich einerseits eine stabile emotionale Bindung, in der sie sich zugehörig und geborgen fühlen können. Andererseits besteht auch der Wunsch nach Autonomie und Freiheit. Diese beiden Bedürfnisse stehen oft in einem Spannungsfeld zueinander. Es findet eine Pendelbewegung zwischen diesen beiden Polen statt: „Ich will mich bei Dir in der Liebesbeziehung emotional zuhause fühlen“ vs. „Ich will mich frei, autonom und niemandem verpflichtet fühlen.“
Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Dilemma zwischen Bindungs- und Autonomiewünschen kein lösbarer Konflikt ist. Vielmehr ist es eine Dynamik, die bei unterschiedlichen Menschen und in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Die damit einhergehende Bindungsambivalenz – das Gefühl „Ich will mich binden, aber auch wieder nicht“ – kann in jeder Beziehung auftreten. Das Bedürfnis nach Autonomie spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Es geht darum, sich selbst als eigenständige Person wahrzunehmen, unabhängig von der Rolle als Partner:in in der Beziehung.
Mythen über Untreue auf dem Prüfstand
Mythos 1: Affären sind immer der Beweis dafür, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt.
Viele glauben, dass eine Außenbeziehung immer ein Zeichen dafür ist, dass in der Beziehung etwas grundlegend falsch läuft. Doch das ist nicht immer der Fall. Eine Affäre kann sowohl eine Flucht aus einer als problematisch erlebten Beziehung darstellen als auch einfach das Ergebnis einer spontanen Gelegenheit sein, die sich bietet, ohne dass die Partner:innenschaft im Kern gestört ist.
Mythos 2: Eine gelegentliche Affäre tut einer langweiligen Ehe gut.
Der Gedanke, dass eine Affäre eine Beziehung aufpeppen kann, ist weit verbreitet. In der Realität führen die meisten Außenbeziehungen jedoch eher zu Konflikten und Verletzungen. Eine Affäre kann allerdings ein Anlass sein, die Beziehung gründlich zu durchleuchten und zu besprechen, was zu einem tieferen Verständnis und möglicherweise einer Verbesserung führen kann.
Mythos 3: Männer sind von Natur aus untreu.
Dieser Glaube stammt aus alten patriarchalen Vorstellungen. Studien wie die von Kinsey, sind veraltet. Frauen nehmen sich heutzutage ebenso das Recht heraus, ihre Sexualität zu leben, wie Männer. Untreue ist also kein geschlechtsspezifisches Verhalten, sondern vielmehr Ausdruck individueller Wünsche und Bedürfnisse.
Mythos 4: Untreue beweist, dass der:die untreue Partner:in weniger liebt.
Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Untreue automatisch bedeutet, dass der:die untreue Partner:in weniger liebt. Doch diese Vorstellung ist oft zu einfach und greift in den meisten Fällen zu kurz. Untreue kann viele Gründe haben, die nicht zwangsläufig mit einem Mangel an Liebe oder Zuneigung zusammenhängen. Wenn dieser Mythos bedient wird, geht es häufig darum, dass der:die betrogene Partner:in versucht, sich in eine moralisch überlegene Position zu bringen. Aussagen wie "Du liebst mich nicht mehr, sonst hättest du das nicht getan!" sind oft ein moralischer Schachzug, der den:die untreue:n Partner:in in die Defensive drängt. Doch diese Argumentation ist nicht immer psychologisch wahr. Statt die Situation vorschnell moralisch zu bewerten, ist es hilfreicher, solche Frage zu stellen: Welche Bedeutung hat die Affäre für unsere Beziehung? Was hat zur Affäre geführt und welche unbefriedigten Bedürfnisse stehen dahinter?
Mythos 5: Nach einer Affäre ist die Beziehung nicht mehr zu retten.
Ob eine Beziehung nach einer Affäre zu retten ist, hängt von vielen Faktoren ab. Der entscheidende Punkt ist, ob beide Partner:innen bereit sind, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen und die nötige Arbeit zu investieren. Manchmal kann eine Beziehung sogar gestärkt aus einer solchen Krise hervorgehen.
Eifersucht verstehen und damit umgehen
Eifersucht wird in Liebesbeziehungen oft als belastend erlebt und kann die Partner:innen quälen. Sie ist kulturell unterschiedlich bewertet und biologisch tief in uns verankert.
Eifersucht lässt sich nicht einfach abstellen, aber es ist möglich, einen gesunden Umgang damit zu finden. Hilfreich hierfür ist, dieses Gefühl anzuerkennen und sich gleichzeitig nicht davon beherrschen zu lassen. Sie kann auch als ein wertvolles Signal betrachtet werden, das darauf hinweist, dass in der Beziehung etwas im Ungleichgewicht ist und Aufmerksamkeit benötigt.
Um geeignete Wege zu finden, mit Eifersucht umzugehen, können Fragen wie diese Euch unterstützen: Welche Ideen, Gewohnheiten und Gefühle nähren die Eifersucht? Gibt es andere Einflussfaktoren, welche die Eifersucht begünstigen? Gibt es Momente, in denen sie keine Rolle spielt? Wenn ja, wie genau sind diese Situationen?
Die Perspektive der betrogenen Seite
Für den:die betrogene:n Partner:in ist der Schmerz oft sehr groß. Es fühlt sich an, als würde der Boden unter den Füßen wegbrechen. Gedanken über sexuellen Vergleich oder den Verrat an der gemeinsamen Loyalität können quälend sein. Der Eindruck, dass jemand in den intimen Kreis eingedrungen ist, kann tief verletzen.
Ein weiteres Problem ist das soziale Umfeld. Die Angst, dass alle Bescheid wussten, nur man selbst nicht, kann zu einem Gefühl der Isolation führen. Diese existenzielle Einsamkeit, das Gefühl, austauschbar zu sein, ist schwer zu ertragen.
In der Paartherapie ist es sehr hilfreich, diesen Gefühlen Raum zu geben und sie zu bearbeiten. Der:die betrogene Partner:in hat das Recht, verletzt zu sein und seine:ihre Gefühle auszudrücken. Gleichzeitig sollte man als betrogener Part der Beziehung immer überlegen, welche Informationen wirklich nötig sind und welche im Unwissen bleiben können. Manch explizite Informationen können inneren Bilder erzeugen, die schwer zu ertragen sind.
Die Perspektive der betrügenden Seite
Der:die betrügende Partner:in verdient in der Paarberatung genauso Zuwendung. Für den:die betrügende:n Partner:in ist es entscheidend, die Bedeutung der Affäre für die Beziehung zu reflektieren und sich zu fragen, welche Bedürfnisse damit erfüllt wurden. Diese Erkenntnisse können helfen, die Beziehung zu stärken, sofern beide bereit sind, daran zu arbeiten.
Es gibt unterschiedliche Arten, dem:der Partner:in von der Außenbeziehung zu berichten. Überspitzt beschrieben sind es: Eine zerknirschte, bekenntnishafte Haltung, die einem Geständnis gleicht vs. eine aufrechte Haltung, die sich nicht vor moralischen Vorstellungen wegduckt. Interessanterweise zeigt sich in der paartherapeutischen Praxis, dass diese zweite Haltung häufig leichter annehmbar für die betrogene Seite ist.
Meine therapeutische Haltung
In meiner beraterischen Arbeit lege ich großen Wert auf Allparteilichkeit. Ich bewerte das Verhalten meiner Klient:innen nicht, denn eine moralische Wertung würde mich in meiner Arbeit stark einschränken und mich daran hindern, Euch effektiv zu helfen. Stattdessen möchte ich Euch mit Interesse, Neugier und Wertschätzung begegnen, um zu verstehen, was bei Euch wirklich vor sich geht.
Mein Ansatz ist ergebnisoffen. Das bedeutet, dass ich keine vorgefassten Meinungen darüber habe, wie Euer Beziehungsweg nach einer Affäre aussehen sollte. Jede Beziehung ist einzigartig und es gibt keine universellen Lösungen. Ich habe Kenntnisse über gängige Beziehungsmuster, bleibe jedoch zugleich offen für Überraschungen und individuelle Dynamiken, die Eure Beziehung ausmachen.
Trotz meiner Haltung der professionellen Neutralität gibt es bestimmte Situationen, in denen ich klar Stellung beziehe. Dies betrifft zum einen die Frage nach genauen sexuellen Details der Affäre. Ich empfehle in der Regel, nur genügend Details zu erfahren, um die Situation zu verstehen und sich dazu verhalten zu können, aber nicht mehr, als notwendig ist. Zu viele Details können schmerzhafte Bilder hervorrufen, die dann belastend in der Beziehung verbleiben.
Ein weiterer Punkt ist die Frage, wieviel Informationen junge Kinder über den Stand elterlicher Krisen erhalten sollten. Hier empfehle ich, transparent zu sein und Kindern gleichzeitig nur die absolut notwendigen Informationen zukommen zu lassen, z.B. „Wir haben gerade Ärger miteinander und wir versuchen das zu klären – deshalb ist im Moment schlechte Stimmung zu Hause. Ich denke, das wird schon wieder.“ Jungen Kindern reicht diese Informationen häufig und sie sind versichert, dass die Situation zu Hause weiterhin für sie berechenbar bleibt.
Affären sind vielschichtig und sie können eine Beziehung auf eine harte Probe stellen. Doch sie bieten auch die Möglichkeit, die Bedürfnisse innerhalb von Liebesbeziehungen zu reflektieren und neu auszuhandeln. Dafür gibt es keine einfachen Lösungen und trotzdem Wege, um gestärkt aus einer solchen Krise hervorzugehen. Ich lade Euch herzlich ein, mein Angebot für Paarberatung dafür in Anspruch zu nehmen.